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Achtsamkeit im Alltag, auch ohne Meditation

Achtsamkeit ist ein Wort, das viele Menschen mittlerweile leicht nervt.

Es klingt nach Apps mit beruhigenden Stimmen, nach Yoga-Studios mit Salbei-Duft, nach Influencern, die jeden Morgen ein Mindfulness-Journal führen, bevor sie ihren Matcha-Latte trinken. Es klingt nach noch einer Aufgabe, die man in seinen ohnehin vollen Tag pressen soll. Und ehrlich gesagt, oft auch ein wenig nach Selbstoptimierungs-Theater.

Das ist schade. Denn der eigentliche Begriff ist viel einfacher und viel weniger anstrengend, als die Marketing-Variante uns glauben machen will. Achtsamkeit heisst, in dem Moment zu sein, in dem du gerade bist. Mit dem zu sein, was du gerade tust. Mit dem zu sein, was du gerade spürst.

Das ist alles. Es braucht keine App, keine 30 Minuten, kein leeres Kissen im Wohnzimmer. Du kannst es beim Zähneputzen üben.

Was Achtsamkeit ist und was nicht

Achtsamkeit kommt aus einer alten buddhistischen Tradition, ist aber seit einigen Jahrzehnten auch in der westlichen Psychologie und Medizin angekommen. Der amerikanische Wissenschaftler Jon Kabat-Zinn hat den Begriff in den 1970ern aus dem religiösen Kontext gelöst und in ein klinisches Programm überführt, das heute weltweit Anwendung findet.

Seine Definition ist nüchtern und brauchbar: Achtsamkeit ist die Praxis, der Aufmerksamkeit absichtlich, im gegenwärtigen Moment und ohne zu bewerten zu folgen.

Absichtlich, weil du es dir vornimmst. Achtsamkeit passiert nicht von alleine. Du musst kurz entscheiden, deine Aufmerksamkeit jetzt auf etwas Bestimmtes zu richten.

Im gegenwärtigen Moment, weil unsere Aufmerksamkeit standardmässig irgendwo ganz anders ist. In Gedanken über das Meeting heute Nachmittag. Im Nachklang einer Mail von gestern. In dem, was wir später noch erledigen müssen. Achtsamkeit holt sie zurück.

Ohne zu bewerten, weil wir sonst sofort wieder ins Denken kippen. "Das gefällt mir, das mag ich nicht, das müsste anders sein." Achtsam zu sein heisst, dem zu folgen, was gerade ist, ohne es sofort einordnen zu müssen.

Was Achtsamkeit nicht ist: ein bestimmter Bewusstseinszustand. Keine Erleuchtung. Kein Gefühl von "totaler Ruhe". Das sind Marketing-Versprechen, die der Begriff nicht halten kann und auch nicht halten muss.

Warum es trotzdem wirkt

Es gibt mittlerweile Hunderte Studien zu den Effekten von Achtsamkeitspraxis. Eine grosse Meta-Analyse aus dem Jahr 2014 (publiziert im JAMA Internal Medicine) hat 47 randomisierte kontrollierte Studien zusammengefasst. Das Ergebnis: Achtsamkeitsbasierte Programme zeigen messbare Effekte bei Angst, Depression und Schmerzempfinden. Die Effekte sind moderat, aber zuverlässig.

Was diese Studien ebenfalls zeigen: Es muss nicht stundenlanges Sitzen sein. Schon kurze, regelmässige Praxis reicht aus, um Effekte zu erzielen.

Der Grund, warum es wirkt, ist relativ klar. Unser Standardmodus ist Reaktion. Das Nervensystem ist auf "Was kommt als nächstes" eingestellt. Achtsamkeit unterbricht diesen Modus für einen Augenblick. Das Gehirn bekommt die Möglichkeit, nicht zu reagieren, sondern wahrzunehmen. Wenn das oft genug passiert, beginnt sich etwas zu verschieben. Du wirst weniger getrieben, mehr beteiligt.

Achtsamkeit ohne Meditation

Wenn du Meditation nicht magst oder keine Zeit dafür hast, ist das nicht das Ende der Geschichte. Die Meditation ist ein konzentriertes Trainingsfeld für Achtsamkeit, vergleichbar mit einem Fitnessstudio. Aber die Bewegung im Alltag, sozusagen die Achtsamkeit beim Treppensteigen, hat auch ihren Wert.

Beim Zähneputzen. Klingt banal. Aber probier es mal. Spüre die Bewegung, den Geschmack der Zahnpasta, das Gefühl der Borsten am Zahnfleisch. Zwei Minuten Achtsamkeit, die du sowieso jeden Tag zweimal hast.

Beim Trinken. Das erste Schlucken eines heissen Tees oder eines Kaffees am Morgen. Nicht nebenbei beim Mail-Lesen. Sondern bewusst. Wie es schmeckt, wie es wärmt.

Beim Gehen. Auch kurze Wege. Vom Schreibtisch zum Wasserkocher. Wie sich der Boden anfühlt. Welche Geräusche da sind, die du sonst nicht hörst.

Beim Atmen. Drei Atemzüge, in denen du nichts anderes tust, als zu spüren, wie die Luft kommt und geht. Du kannst das mitten in einem Meeting machen. Niemand muss es wissen.

Beim Spüren. Einmal am Tag kurz innehalten und das Körpergefühl wahrnehmen. Wo ist Spannung. Wo ist Ruhe. Wo hast du dich heute gar nicht gespürt.

Das alles sind Achtsamkeitsmomente, die zusammen mehr ausmachen, als die meisten Meditationen je könnten. Weil sie im echten Leben stattfinden, nicht in einer geschützten Trainingssituation.

Anker, die helfen

Eine Schwierigkeit bei Achtsamkeit ist, dass man sie ständig vergisst. Der Vorsatz "Ich will jetzt achtsamer leben" hält selten länger als ein paar Tage, weil der Alltag schneller ist als die Erinnerung daran.

Was hilft, sind Anker. Etwas Konkretes, das mit einem Achtsamkeitsmoment verknüpft ist. Bei vielen funktioniert ein sensorischer Anker, also etwas, das man sieht, riecht, hört.

Ein Räucherstäbchen funktioniert beispielsweise gut, weil es mehrere Sinne gleichzeitig anspricht und einen klaren Anfangs- und Endpunkt hat. Anzünden, hinsetzen, eine Weile mit dem Rauch sein, dann wieder weiter. In dieser Zeit ist Achtsamkeit nicht ein Vorsatz, sondern eine fast automatische Folge der Handlung.

Was sich nach einer Weile verändert

Achtsamkeit ist keine schnelle Methode. Nach einem Tag wirst du wenig spüren. Nach einer Woche vielleicht eine leichte Veränderung. Nach einigen Monaten regelmässiger Praxis verschiebt sich aber etwas, das schwer in Worte zu fassen ist.

Du bemerkst Reize früher, bevor sie zu Reaktionen werden. Du merkst, wenn dein Kopf sich in einer Gedankenschleife verfangen hat, und kannst leichter daraus aussteigen. Du erlebst kleine Momente intensiver, weil du tatsächlich darin bist, statt sie nur zu durchlaufen.

Das ist nicht spektakulär. Aber es summiert sich.

Wo du anfangen kannst

Wenn dieser Text dich interessiert, fang nicht damit an, eine Meditationspraxis aufzubauen. Such dir stattdessen einen einzigen alltäglichen Moment aus. Etwas, das du sowieso jeden Tag tust. Den Morgenkaffee. Das Zähneputzen. Den Weg zur Haltestelle.

Mach diesen einen Moment ab morgen mit voller Aufmerksamkeit. Mehr nicht.

So baut sich Achtsamkeit auf. Nicht durch grosse Vorsätze. Durch viele kleine, wiederholte Momente.