Selfcare ist überall. Und gleichzeitig kaum noch verständlich.
Der Begriff hängt an Bath Bombs, an Pinterest-Zitaten in geschwungener Schrift, an Influencer-Reels mit teurer Beleuchtung. Er steht auf Yoga-Matten und auf Gesichtsmasken-Verpackungen. Inzwischen bedeutet er so viel, dass er fast nichts mehr bedeutet.
Schade eigentlich. Denn dahinter steckt ein präziser Begriff, den viele Menschen gerade gut gebrauchen könnten — gerade jene, die sich erschöpft fühlen, ohne genau sagen zu können warum.
Dieser Text holt den Begriff zurück. Was Selfcare heisst, wenn man die Pinterest-Bilder abzieht. Wofür er ursprünglich gedacht war. Und wie du ihn im Alltag leben kannst, ohne dir gleich eine neue Routine aufzuladen.
Woher der Begriff kommt
Selfcare ist keine Erfindung der Wellness-Industrie. Der Begriff kommt aus der Medizin der 1950er-Jahre und bezeichnete ursprünglich, dass Patient:innen sich auch zwischen Arztterminen um sich selbst kümmern müssen. Später griff ihn die Bürgerrechtsbewegung auf. Die Dichterin Audre Lorde schrieb 1988 einen Satz, der heute oft zitiert wird:
«Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation.»
Selfcare hiess damals Selbsterhaltung. Eine Antwort auf eine Welt, die einen aufzureiben drohte. Wenn niemand sich um dich kümmert, musst du es selbst tun.
Heute, mit anderen Belastungen, ist der Kern derselbe geblieben: sich um sich selbst kümmern, bevor etwas zerbricht. Nicht erst danach.
Drei verbreitete Missverständnisse
Selfcare als Konsum. Eine Maske kaufen, ein Spa buchen, sich ein neues Outfit gönnen. Das kann angenehm sein und gehört in die Kategorie Belohnung. Belohnung ist punktuell und endet, wenn das Produkt aufgebraucht ist. Selfcare ist regelmässig und schafft Räume, in denen du bei dir bleibst.
Selfcare als Verdienst. Der Satz «Du hast es dir verdient» gehört zu den problematischsten in der Wellness-Industrie. Er suggeriert, Pausen müssten durch Leistung erarbeitet werden. Echte Selfcare kennt diese Buchhaltung nicht. Du brauchst keinen Grund, um auf dich zu achten.
Selfcare als weitere Aufgabe. Wenn dein Selfcare-Programm aus zehn Schritten am Morgen besteht, drei Workouts pro Woche, einer Meditationspraxis und einem Journal, dann ist es eine weitere Liste. Und eine weitere Quelle für schlechtes Gewissen, wenn du es nicht schaffst.
Selbstoptimierung zielt auf eine bessere, produktivere, erfolgreichere Version von dir. Selfcare zielt auf die Version, die du heute bist.
Der Kern
Selfcare ist die Praxis, sich selbst genauso ernst zu nehmen, wie man andere Menschen ernst nimmt.
Das klingt banal und ist trotzdem selten.
Die meisten Menschen behandeln sich selbst härter, als sie jeden anderen behandeln würden. Sie sprechen innerlich Worte zu sich, die sie nie zu einer Freundin sagen würden. Sie übergehen Müdigkeit, Hunger, Bedürfnisse — Dinge, die sie bei anderen sofort wahrnehmen würden.
Selfcare fängt da an. Bei der Frage, was du gerade brauchst. Und bei der Bereitschaft, die Antwort auch zu beachten.
Manchmal ist die Antwort gross. Eine Therapie beginnen, einen Job kündigen, eine Beziehung beenden. Alles davon ist Selfcare. Oft aber ist sie sehr klein. Jetzt aufstehen und ein Glas Wasser trinken. Heute Abend nicht ans Handy. Das Gefühl spüren, dass etwas nicht passt, ohne es sofort wegzuschieben.
Die kleinen Dinge tragen dabei genauso viel wie die grossen. Sie sind das Fundament, auf dem die grossen Entscheidungen überhaupt möglich werden.
Warum es gerade jetzt zählt
Notifications, Mails, News, Bilder, Erwartungen: Das Nervensystem steht bei den meisten von uns dauernd unter Strom. Du musst nicht klinisch erschöpft sein, um das zu spüren. Es reicht, eine normale Woche zu leben.
Viele erleben dabei etwas Diffuses. Eine schleichende Erschöpfung. Ein «Ich-funktioniere-aber-mehr-nicht»-Gefühl. Einen Kopf, der nie ganz still wird. Etwas, das viele Menschen kennen, ohne es klar benennen zu können, und ohne dafür je eine Diagnose zu bekommen.
Das Gefühl ist real, auch ohne Etikett. Es zu ignorieren, weil «es ja vielen so geht», ist genau das Gegenteil von Selfcare.
Die Grundlagen
Wenn man die Pinterest-Bilder weglässt und ehrlich schaut, läuft Selfcare auf wenige Grundlagen hinaus. Sie sind unspektakulär und kosten fast nichts.
Schlaf. Der wichtigste Hebel. Schlechter Schlaf macht alles andere härter. Selfcare fängt fast immer hier an.
Bewegung, in dem Mass, das du tragen kannst. Spaziergänge, einfache Routinen, Dinge, die dein Körper mag.
Echte Pausen. Pausen, in denen wirklich nichts passiert. Kein Doomscrolling, kein «schnell noch das eine erledigen». Pausen, die aussehen wie Stillstand und genau deshalb wirken.
Verbindung mit Menschen, die dir guttun. Selbst kurze. Ein Anruf, ein Treffen, eine Nachricht. Wir sind soziale Wesen. Isolation ist Gift.
Grenzen. Nein sagen können, ohne ein 200-Wörter-Argument zu brauchen. Etwas, das viele erst lernen müssen.
Wahrnehmen, was im Körper passiert. Wo ist Spannung. Wo Müdigkeit. Wo hat man heute gar nicht hingespürt.
Das ist Selfcare. Wiederholbar. Eigentlich kostenlos.
Die Rolle kleiner Rituale
In einem unruhigen Alltag haben kleine Rituale eine besondere Funktion. Sie sind Anker. Markierungen im Tag, die sagen: Hier hört etwas auf, hier fängt etwas anderes an.
Ein Ritual ist eine wiederholte Handlung, die Bedeutung trägt. Spirituell muss sie dafür nicht sein. Ein Tee zur selben Zeit am Abend. Ein Spaziergang nach Feierabend. Ein Räucherstäbchen, das du anzündest, bevor du dich hinsetzt.
Wertvoll macht diese Handlungen, was sie unterbrechen: den Autopilot. Das ständige Weiter. Die Stunde, die schon wieder vorbei ist, ohne dass man sie gemerkt hätte.
Rituale schaffen Übergänge. Sie helfen, vom Arbeitsmodus in den Abend zu kommen. Von der Hektik in die Ruhe. Vom Aussen in das Innen. Sie machen Selfcare konkret und alltagstauglich, auch wenn du keine zehn Minuten Meditation in den Kalender quetschen kannst.
Wo du anfangen kannst
Wenn dieser Text dich angesprochen hat, such dir eine einzige Sache aus. Eine Pause am Tag, die wirklich Pause ist. Schlafengehen 30 Minuten früher. Ein kleines Ritual, das den Abend von der Arbeit trennt.
Selfcare ist eine Haltung, die man übt. Mal besser, mal schlechter. Mit Pausen und Rückfällen. Wie alles, was zählt.
Bei Sibicura entwickeln wir Räucherstäbchen und Rituale für genau solche Momente. Kurze, bewusste Pausen, die im Alltag tragen. → Düfte entdecken · Das Ritual